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Surfen in Europa


Wie der Surfsport nach Europa kam

England war das glückliche erste Land des europäischen Kontinents, das Zeuge der neuen Sportart werden durfte. Während einer Reise nach Hawaii im Jahre 1919 ließ sich der Engländer Nigel Oxendew das Surfen von keinem geringeren als dem Hawaiianer Duke Kahanamoku beibringen. Ein paar Jahre später gründete er den inzwischen legendären ‚Island Surf Club’ auf seiner Heimatinsel Jersey. Anfangs surfte man hauptsächlich im Liegen auf etwa 1,5m-langen Holzplanken; der Engländer Archie Mayne gilt als erster Europäer, der Mitte der 20er Jahre eine Welle im Stehen abritt.

Über das Surfgeschehen der nächsten Jahrzehnte gibt es nur wenige Überlieferungen, erst als in den 50ern die Surf Life Saving Association (S.L.S.A.) in Cornwall gegründet wurde, erhielt der Surfsport in England einen erneuten Schub. Da sich das Baden im Meer zunehmender Beliebtheit erfreute und unweigerlich eine steigende Zahl Ertrinkungsopfer mit sich brachte, wurde der Britische Lebensretter-Verband schnell zu einer bedeutsamen Institution an Englands Stränden. 1959 wurden Lebensretter in Newquay erstmals hauptberuflich eingestellt und bedienten sich hölzerner Paddelboards, um Schwimmer schnell und sicher aus der Brandung zu retten. 1961 kamen schließlich vier australische Lebensretter nach Cornwall, gaben auf neuartigen Polyester- und Fiberglasbrettern eine Demonstration ihres Surfkönnens und besiegelten das Schicksal der britischen Surfszene somit endgültig. Als 1965 die erste britische Meisterschaft ausgetragen wurde, hatten sich ‚Bilbo Surfboards’ und ‚Tiki’ bereits als erste britische Hersteller von Surfbrettern und Neoprenanzügen etabliert. Während Newquay in Cornwall sich zunehmend zum Zentrum des englischen Surfgeschehens mauserte, fasste das Surffieber in den 60ern auch in Wales, Irland und Schottland Fuß.

Als Hollywoods Drehbuchautor Peter Viertel im Zuge der Verfilmung eines Hemingway-Romans 1956 erstmals an die französischeBiscaya kam, war er von den französischen Wellen derart begeistert, dass er sich ein Surfbrett aus Amerika kommen ließ. Er erlernte er den Surfsport zusammen mit einigen Einheimischen, innerhalb eines Jahres war die Beliebtheit des Sports rasch angewachsen und eine Handvoll Anwohner, unter ihnen Michel Barland und George Hennebutte, begannen unter dem Namen ‚Barland Surfboards’ mit der eigenen Herstellung von Longboards. 1961 wurden bereits die ersten nationalen Meisterschaften ausgetragen. Das Wellenreiten blieb in Frankreich jedoch zunächst eine Randsportart, bis 1979 schließlich der Lacanau Pro und damit der erste internationale Wettkampf in Frankreich ausgetragen wurde, der professionelle Surfer aus aller Welt anlockte.

Die Nordküste Spaniens wurde 1962 erstmals als Surfterrain entdeckt, als der Spanier Jesús Fiochi aus Santander ein Barland Surfbrett erwarb. Als seine Landsmänner von der in unmittelbarer Nähe gelegenen Surfbrettwerkstatt erfuhren, bildete sich in Kantabrien schnell ein Kern begeisterter Surfer. Während der 60er griff das Surffieber auf das Baskenland über, wo José Merodio 1969 unter dem Namen ‚MB Surfboards’ mit der Herstellung eigener Surfbretter begann. Ende der 60er Jahre eroberte das Surffieber mit Asturien und Galizien schließlich den kompletten Nordwesten Spaniens. Die Surfgemeinschaft wuchs besonders im Baskenland rapide an, die 70er Jahre brachten dort die spanischen Surfbrettfirmen ‚Geronimo Surfboards’ und ‚Pukas’ hervor. In den 80ern surfte man schon in Cádiz und Tarifa an der Atlantikküste Südspanien.

In den 70ern wurden die Kanarischen Inseln erstmals von amerikanischen Surfern als Surfterrain entdeckt. Das Surfpotential der Inselgruppe mit hawaiianischem Klima und optimalen Wellenbedingungen in unmittelbarer Nähe Europas sprach sich schnell herum, so dass Gran Canaria und Teneriffa allmählich von Surfern bevölkert wurden. Auch Lanzarote und Fuerteventura wurden bald als neue Surfgebiete erschlossen und gelten auch heute noch als beliebte Urlaubsziele unter europäischen Surfern.

Auch in Portugal entstand während den 70er Jahren allmählich eine einheimische Surfkultur in der Gegend von Lissabon. Der erste Wettkampf wurde 1977 im Norden Ericeiras ausgetragen, der erste internationale Event folgte noch im selben Jahr. In den 80ern entstanden die ersten Surfbrettfirmen ‚Polen’ und ‚Semente’, die auch heute noch zu den besten Surfbrettherstellern Europas gehören. Aufgrund der extrem hohen Wellen, die von Zeit zu Zeit an die Portugiesische Küste branden, kam es in Portugal zur Entstehung einer regelrechten Big-Wave-Szene. Für ihre gigantischen Wellen ist besonders die im Atlantischen Ozean gelegene portugiesische Insel Madeira bekannt. Seit 1996 wird dort einmal im Jahr die ‚Billabong Challenge’ abgehalten, im Rahmen derer sich die besten portugiesischen Surfer für einen Monat nach Madeira begeben um sich miteinander zu messen.

Die Entwicklung des Surfsports in Europa war seit den 60ern vom Überschwappen der amerikanischen Surf- und Skatekultur begleitet, von Boardshorts und Hawaii-Hemden, vom Sound der Beach Boys und von amerikanischen Surffilmen wie Gidget, die vermehrt auch in die europäischen Kinos gelangten. Bereits 1969 kam der erste ausschließlich in europäischen Wellen gedrehte Surfstreifen „Evolution” heraus.

Im Laufe der 90er Jahre hat sich das Surfen zur Trendsportart entwickelt und die europäische Werbeindustrie bedient sich immer öfter des Wassers, der Wellen und des Surfens, um ihre Produkte zu vermarkten. Heutzutage wird an jeder Küste Europas gesurft, selbst am Mittelmeer tummeln sich massenweise Longboarder, sobald die kleinsten Wellen anbranden, und in sämtlichen Ländern haben sich Surfverbände etabliert. Dank der Neuerungen in der Neoprenanzugindustrie kann man das ganze Jahr über surfen und europäische Surfer stoßen immer weiter in den Norden Europas vor, um noch ungekannte Surfgebiete zu erschließen.

Mit dem zunehmenden Angebot an Billigflügen nimmt auch der Surftourismus stetig zu, sowohl durch Europäer, die es in andere Länder zieht, um die dortigen Surfbedingungen zu nutzen, als auch durch Surftouristen aus anderen Ländern, die man während der Sommermonate stets auf Rundreise entlang der europäischen Atlantikküste antreffen kann.

Die ESF

Kurz nach der Gründung des Europäischen Surfverbands ESF (European Surfing Federation) wurden 1970 die ersten europäischen Meisterschaften in Jersey (England) abgehalten. Seither agiert die ESF als Bund aller europäischen Surfverbände und übernimmt die Aufgabe, das generelle Interesse am Surfsport in Europa zu fördern, die Gründung weiterer nationaler Surfverbände zu unterstützen sowie europäische Wettkämpfe (z.B. Eurosurf, Eurojunior, European Tour of Bodyboard) zu organisieren und auszurichten.

Die EPSA

Neben den von der ESF organisierten europäischen Amateurmeisterschaften hat sich die European Professional Surfing Association Tour (EPSA) als europäisches Äquivalent der ASP-Tour etabliert. Sie wird von der ASP Europe ausgetragen, die seit 1976 für die Verwaltung des professionellen Surfens in Europa zuständig ist, und wird jedes Jahr von März bis November abgehalten. Bei den 10 Wettkämpfen für Männer und 2 Wettkämpfen für Frauen können wie in der WQS Punkte gesammelt werden. Zusätzliche Punkte können bei ausgewählten WQS-Events in Frankreich, Portugal, Spanien und auf den Kanarischen Inseln gewonnen werden.

(Text: Daniela Cramer)





 
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