"Der Spaßfaktor
ist extrem"
Gerry Schlegel, 27, Informatik-Student in München und
Sieger der adh-open 2007, über die besonderen Herausforderungen beim
Wettkampf-Surfen, den Adrenalin-Rausch auf der perfekten Welle und das Elend
der Uni-Prüfungen
FRAGE:
Du hast im letzten Jahr die adh-open souverän gewonnen und die einzige
10,0-Bewertung des gesamten Wettkampfes erhalten, die Traumnote im
Wellenreiten, die nur
für den absolut perfekten Ritt vergeben wird. Erinnerst Du Dich noch an diesen
Moment?
Das war ein fantastischer Ritt, da
passte einfach alles zusammen! Das klappt beim Contest nicht sehr oft. Da
gelingen dir Manöver und Tricks, die du normalerweise locker drauf hast,
plötzlich nicht mehr. Denn beim Wettkampf bist du angespannt und willst Dein Bestes
geben. Die Leichtigkeit bleibt da schnell mal auf der Strecke. Doch letztes
Jahr lief es einfach rund. Die Bedingungen während des Heats* waren klasse. Das
war eigentlich der einzige Heat mit wirklich guten Wellen. Letztlich gehört zum
Contest-Surfen eben immer auch eine gewisse Portion Glück dazu.
*Heat: Lauf innerhalb eines Surfwettbewerbs, in dem jeweils vier Teilnehmer
gegeneinander antreten
FRAGE:
Du hast bereits viel Wettkampf-Erfahrung. Was unterscheidet die adh-open von
anderen Surf-Wettkämpfen?
Die adh-open ist ein großer Contest mit
sehr vielen Teilnehmern, der Spaßfaktor ist extrem. Letztes Jahr waren über 200
Starter dabei. Dazu kommen noch hunderte von Zuschauern – eine gigantische
Party! Das darfst du einfach nicht verpassen!
Außerdem surfen bei der adh-open Leute,
die in Deutschland wohnen, hier studieren und ihr Ding machen, obwohl sie die
Wellen nicht immer vor der Haustür haben. Das ist bei den Teilnehmern der
Deutschen Meisterschaften anders, die leben fast alle irgendwo am Ozean und
sind schon in den Wellen groß geworden.
FRAGE:
Du hingegen bist in München aufgewachsen und lebst auch heute noch dort.
Trotzdem kannst Du nicht nur bei den Hochschulmeisterschaften, sondern auch bei
den Deutschen Meisterschaften ganz oben mitmischen, wo Du 2006 und 2007 unter
den besten fünf platziert warst. Wo hast Du Surfen gelernt?
Ich surfe seit über 15 Jahren auf dem Eisbach, das ist eine künstlich
aufgestaute Flusswelle mitten in der Münchner City. Damals, wir waren noch
Kids, nahm mich ein Freund mit zum Eisbach und wir surften mit Boogie-Boards,
das war der Hammer! Seitdem bin ich süchtig und kriege die Krise, wenn ich
länger mal nicht surfen kann, so wie jetzt. Ich stecke mitten in den
Informatik-Prüfungen, da muss ich mich abschotten und am Schreibtisch
festbinden. Anders geht's nicht.
FRAGE: Mit Deinem beeindruckenden
Abschneiden bei der adh-open 2007 bist Du Favorit für die diesjährigen
Hochschulmeisterschaften. Wie schätzt Du selbst Deine Chancen ein?
Ich weiß nicht. Bei den adh-open wird
auf ziemlich hohem Niveau gesurft. Aber ich denke, ich habe ganz gute Chancen.
FRAGE: Strebst Du nach Höherem? Ist die
Deutsche Nationalmannschaft ein Ziel für Dich?
Naja,
die Nationalmannschaft wäre schon eine feine Sache. Obwohl: ich sehe mich eher
als Fluss-Surfer, bringe mein Talent und meine Innovation vor allem da ein. Im
Meer gelingt mir das nicht immer ganz so gut.
FRAGE:
Wie siehst Du die Zukunft für deutsche Surfer?
Ganz klar positiv! Immer mehr Leute
surfen. Auch in Deutschland, obwohl es hier ja gar nicht so viele Wellen gibt.
An den Flüssen entstehen ständig neue Clubs und Communities, wie zum Beispiel
an der Ruhr. Da war das Surfen bis vor kurzem noch verboten. Die Leute tun sich
zusammen und stellen etwas gemeinsam auf die Beine. Das wird sich über kurz
oder lang auch im Wettkampf-Surfen bemerkbar machen.
FRAGE:
Hast Du Vorbilder?
Der amerikanische Big-Wave-Surfer Laird
Haimilton ist eines meiner Vorbilder. Aber ich finde auch viele andere cool –
alle, die etwas Extremes machen. Die sagen, hey, ich probiere jetzt mal was
ganz Neues, etwas, das noch niemand vorher getan hat.
FRAGE:
Welches sind Deine Lieblings-Surfspots?
Die einzelnen Spots kann ich gar nicht alle aufzählen, ich
sag's mal allgemein: Wenn es um Meer-Wellen geht, dann in Nordspanien, vor
allem Galizien. Dort gibt es unzählige tolle Buchten. Im Winter findet man in
Marokko und auf Fuerteventura auch sehr schöne Wellen. Aber am allerliebsten
surfe ich große Flusswellen mit sehr viel bewegtem Wasser. Neben den Hochwasserwellen
in Deutschland gibt es in Frankreich und Kanada noch ein paar richtige Kracher.
Big-Wave-Surfen auf Flüssen ist mein neustes Hobby – mein Daddy nennt mich
inzwischen nur noch Adrenalin-Junky.
FRAGE: Wie lautet Dein Lebensmotto?
Jeden Tag im Wasser sein. Ich check
täglich die Surfbedingungen, um zu wissen, was geht. Surfen ist ein episches
Gefühl, nach einem gelungenem Ritt bist du noch so voller Adrenalin, dass du
keinen Bissen runterkriegst und alles um dich herum vergisst. Immer wieder
schließt Du die Augen, um den Rausch noch mal zu erleben. Du willst immer mehr
davon.
FRAGE:
Was machst Du, wenn du nicht auf der Welle stehst?
Sport bestimmt mein Leben. Ich fahre
Skateboard und Snowboard, gehe dreimal pro Woche Schwimmen, um fit zu bleiben.
Ich kann nicht sagen, wann ich das letzte Mal im Kino war. Ich liebe es, abends
todmüde ins Bett zu fallen. Bin eher selten auf Partys – außer auf der
adh-open, das ist ja auch das Besondere an dem Contest, das ist jedes Jahr ein
großes Wiedersehen. Und das muss natürlich gefeiert werden!
mit
Gerry Schlegel sprach Jeanette Langer